Brief an Lage der Nation Thema Hierarchien


Lieber Philip, lieber Ulf,

super Interview mit Fuchs-Schündeln zum Thema Wachstum und Populismus, fundiert wie immer. Nur: Ihr lasst die neurobiologische Komponente weg. Und die erklärt, warum populistische Parteien wie die AfD rational widersprechen und trotzdem gewinnen.

Ich studiere Cognitive Science mit Schwerpunkt Neurowissenschaften und beschäftige mich mit der Frage, wie das menschliche Gehirn auch unter Stress in Hierarchien funktioniert.

Meine Kern-These

Menschen unter Statusbedrohung reagieren nicht rational. Ihr Stresssystem ist seit Millionen Jahren darauf kalibriert, Rangverlust als existenzielle Bedrohung zu verarbeiten. Sapolsky, Kaplan, Shively zeigen das bei Primaten: Wer im Rang absteigt, kriegt erhöhtes Kortisol, Blutdruck, Atherosklerose. Bei Menschen funktioniert das identisch. Der Clou: Der Stress entsteht nicht durch Armut selbst, sondern durch die Wahrnehmung von Statusverlust. Steigende Mieten, stagnierende Löhne, Jobangst - alles ein Signal „du rutschst ab”. Das Gehirn reagiert emotional, nicht rational.

Bei Menschen ist das empirisch dokumentiert: Subjektive Statusbedrohung moduliert Kortisol-Reaktionen auf soziale Stressoren, und die Beziehung zwischen Statusverlust und Stresshormon-Aktivierung ist robust, aber nicht universell - sie hängt stark davon ab, wie stabil oder unsicher die Hierarchie ist (Sapolsky 2017, Lê-Scherban et al. 2018 zeigen zudem, dass schon im Kindesalter ein niedriger SES mit veränderten Kortisol-Reaktionen korreliert).

Die Downward Aggression Heuristic

Hobson et al. (2021) nennen das die „Downward Aggression Heuristic”: Tiere richten Aggression nach unten, weil das risikoarm ist. Nach oben ist tödlich. 172 Gruppen über 85 Tierarten, 77% zeigen das Muster - besonders bei nicht-menschlichen Primaten und sozial lebenden Tieren. Menschen machen das auch, nur kulturell: Wer sich ohnmächtig fühlt, greift nicht die Mächtigen an. Die sind zu abstrakt, zu weit weg. Stattdessen: sichtbare Zielscheiben unten in der Hierarchie: Migrant:innen, Asylbewerbende.
Populistische Rhetorik hackt genau da rein. Sie nutzt Statusangst für Downward-Targeting.

Warnung von mir: Das ist eine Analogie (Tier Mensch). Gestützt durch historische Muster (Sündenböcke in Krisenzeiten) und Lab-Evidenz, aber es gibt leider noch keine direkten empirischen Studien von Statusangst Wahlentscheidung Minderheiten-Aggression. Wir sind Lebewesen mit Kultur und können reflektieren. Aber die millionenalte Neurobiologie schafft die Voraussetzung für diesen Zusammenhang.

Stresssystem und Aggressivität

Chronischer Stress und Aggression hängen zusammen. Sapolsky et al. zeigen das bei Primaten: Rangverlust führt zu erhöhtem Kortisol, Blutdruck, Atherosklerose und erhöhter Aggressivität. Bei Menschen funktioniert der Mechanismus identisch.

Aber das ist nicht linear. Je nach neurobiologischer Baseline und früher Prägung reagieren Menschen unterschiedlich. Manche werden unter Druck aggressiver, andere passiver. Das bedeutet: Statusbedrohung erklärt die Prädisposition zur Aggression, nicht das Verhalten selbst. Kultur, Narrative und Kontext sind entscheidend!

Die Extremfälle zeigen den Mechanismus

Weierstall & Elbert arbeiten mit ehemaligen Kindersoldaten zusammen und zeigen wie Extremkontexte unter Trauma Aggression fördern können: Physische Gewalt oder Kontrolle über Schwächere reduziert den eigenen Stress über Dopamin. Das ist nicht 1:1 auf deutsche Wähler:innen übertragbar, aber die neurobiologische Logik hat Ähnlichkeiten.

Denn bei diesen Extremtraumata wird der Mechanismus sichtbar. Bei moderatem Stress funktioniert er subtiler: populistische (abwertende) Rhetorik, InGroup-OutGroup-Polarisierung und politische Sündenböcke. Das ist nicht direkt physische Gewalt, aber psychologische Kontrolle. Meine These hier ist spekulativ, aber wäre testbar, z.B. durch Korrelationen zwischen Stress-Level und Outgroup-Rhetorik.

Was kritisch bleibt

Wenn Neurobiologie gestresste AfD-Wähler erklärt, warum dann nicht Grüne oder Linke? Die erleben doch dieselbe ökonomische Unsicherheit, wählen aber anders. Der Unterschied ist nicht neurobiologisch, sondern kulturell: Bubbles, Medien und das Elternhaus. Ein gestresster akademischer Haushalt kanalisiert Angst über Klimapolitik, nicht über Migrationsfurcht. Also Neurobiologie verstärkt die bestehende kulturelle Umgebung. Sie erzeugt sie nicht.

Was das bedeutet

Eure Analyse ist primär ökonomisch-soziologisch und bleibt essentiell. Meine Bio-Schicht sagt nur: Wer chronisch unter Statusbedrohung lebt, ist weniger zugänglich für abstrakte Argumente, stärker für emotionale hierarchische Narrative und kann Angst/Wut nach unten kanalisieren.

Rationale Gegenargumente bringen nichts. Moralisierung auch nicht. Was möglich wäre: Keine Bevölkerungsgruppen als Sündenböcke, sondern echte lokale Kontrolle, Mitsprache, Würde. Also mehr Bürger:innen-Beteiligung. Das adressiert die Statusbedrohung selbst, nicht nur das Symptom, aber ob das funktioniert, ist empirisch offen.
Laut MDR-Bericht (2024) zeigt eine europäische Studie, dass EU-Förderungen für strukturschwache Regionen deutlich weniger rechtes Wahlverhalten aufzeigen - vielleicht ist das ja ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Abschluss

Ich bin mir sicher, dass meine Analyse einen Mehrwert zur Frage, warum populistische Parteien derzeit dominieren, bringt.

Auf viele weitere spannende Folgen von euch!

Liebe Grüße, Maxim Leopold

Student der Cognitive Science, Universität Osnabrück maximleopold.com

Quellen:

Hobson, E. A., Mønster, D., & DeDeo, S. (2021). Aggression heuristics underlie animal dominance hierarchies and provide evidence of group-level social information. Proceedings of the National Academy of Sciences , 118 (10), e2022912118.
https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.2022912118

Lê-Scherban, F., Brenner, A. B., Hicken, M. T., Needham, B. L., Seeman, T., Sloan, R. P., … & Roux, A. V. D. (2018). Child and adult socioeconomic status and the cortisol response to acute stress: Evidence from the multi-ethnic study of atherosclerosis. Biopsychosocial Science and Medicine80(2), 184-192.
https://journals.lww.com/bsam/abstract/2018/02000/child_and_adult_socioeconomic_status_and_the.8.aspx

MDR (2024). “Förderung strukturschwacher Regionen: Weniger Stimmen für Rechtspopulismus.”
https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/foerderung-strukturschwache-regionen-weniger-stimmen-rechtspopulismus-100.html

Sapolsky, R. M. (2017). Behave: The biology of humans at our best and worst. Penguin.

Sapolsky, R. M. (2004). Why zebras don’t get ulcers: The acclaimed guide to stress, stress-related diseases, and coping. Holt paperbacks.

Sapolsky, R. M. (2021). Glucocorticoids, the evolution of the stress-response, and the primate predicament. Neurobiology of Stress14, 100320.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S235228952100028X

Weierstall, R., Schalinski, I., Crombach, A., Hecker, T., & Elbert, T. (2012). When combat prevents PTSD symptoms—Results from a survey with former child soldiers in Northern Uganda. BMC psychiatry , 12 (1), 41.
https://link.springer.com/article/10.1186/1471-244X-12-41

see also

Tags: neurobiology science
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Kurze Version:

Lieber Philip, lieber Ulf,

super Interview mit Fuchs-Schündeln. Nur: Ihr lasst die neurobiologische Komponente weg.
Die erklärt, warum populistische Parteien wie die AfD manche Bevölkerungsgruppen besonders ansprechen.

Ich studiere Cognitive Science mit Schwerpunkt Neurowissenschaften und beschäftige mich
damit, wie das Gehirn unter Stress in Hierarchien funktioniert.

Meine Kern-These

Menschen unter Statusbedrohung reagieren nicht rational. Das Stresssystem ist seit
Millionen Jahren darauf kalibriert, Rangverlust als existenzielle Bedrohung zu verarbeiten.
Sapolsky et al. zeigen das bei Primaten: Rangverlust = erhöhtes Kortisol, Blutdruck,
Atherosklerose. Bei Menschen funktioniert der Mechanismus identisch. Der Clou: Stress
entsteht nicht durch Armut selbst, sondern durch Wahrnehmung von Statusverlust.
Steigende Mieten, stagnierende Löhne, Jobangst - alles Signal „du rutschst ab”. Das
Gehirn reagiert emotional, nicht rational.

Empirisch dokumentiert: Subjektive Statusbedrohung moduliert Kortisol-Reaktionen auf
soziale Stressoren. Die Beziehung ist robust, aber nicht universell - sie hängt davon ab,
wie stabil oder unsicher die Hierarchie ist (Sapolsky 2017, Lê-Scherban et al. 2018).

Die Downward Aggression Heuristic

Hobson et al. (2021): Bei 77% von 172 Gruppen über 85 Tierarten richten Tiere Aggression
nach unten (risikoarm), nicht nach oben (tödlich). Menschen machen das kulturell: Wer sich
ohnmächtig fühlt, greift nicht die Mächtigen an – zu abstrakt. Stattdessen: sichtbare
Zielscheiben unten in der Hierarchie: Migrant:innen, Asylbewerbende. Populistische
Rhetorik hackt genau da rein. Sie nutzt Statusangst für Downward-Targeting.

Warnung: Das ist Analogie (Tier Mensch). Gestützt durch historische Muster und
Lab-Evidenz, aber keine direkten empirischen Studien von Statusangst Wahlentscheidung
Minderheiten-Aggression. Aber die Neurobiologie schafft die Voraussetzung.

Was kritisch bleibt

Wenn Neurobiologie AfD-Wähler erklärt, warum nicht Grüne oder Linke? Dieselbe ökonomische
Unsicherheit, andere Wahl. Der Unterschied ist kulturell: Bubbles, Medien, Elternhaus.
Ein gestresster akademischer Haushalt kanalisiert Angst über Klimapolitik, nicht
Migrationsfurcht. Also: Neurobiologie verstärkt bestehende kulturelle Frames, erzeugt
sie nicht.

Was das bedeutet

Eure ökonomisch-soziologische Analyse bleibt essentiell. Meine Bio-Schicht sagt nur:
Wer chronisch unter Statusbedrohung lebt, ist weniger zugänglich für abstrakte Argumente,
stärker für emotionale hierarchische Narrative und kann Angst/Wut nach unten kanalisieren.

Rationale Gegenargumente bringen nichts. Moralisierung auch nicht. Was helfen könnte:
echte lokale Kontrolle und Mitsprache statt Gruppen als Sündenböcke. Also mehr
Bürger:innen-Beteiligung. Das adressiert die Statusbedrohung selbst, nicht nur das
Symptom.

Laut MDR (2024) zeigen Regionen mit EU-Förderungen deutlich weniger rechtes Wahlverhalten.
Vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl.

Ich bin sicher, dass dieser Ansatz Mehrwert zur Frage bringt, warum populistische
Parteien derzeit dominieren.

Liebe Grüße, Maxim Leopold
Student Cognitive Science, Universität Osnabrück
maximleopold.com

Quellen: in den Kommentaren

Created: 2025-10-31 14:18

Artikel:

INHALT

Die These, die du nicht hören willstTL;DRDer Fehler, den wir alle machenDie Biologie: Rangverlust ist stärker als ArmutDie Downward Aggression Heuristic: Warum Sündenböcke nicht böse sindDer Extremfall zeigt die NeurobiologieHier ist das kulturelle WildcardWas funktioniert – und was nichtDie unbequeme Wahrheit: Was das wirklich bedeutetBis dahin?Quellen

Warum Populismus rational ist – Die neurobiologische Erklärung für AfD, Trump & Co.

Populismus ist nicht irrational. Statusbedrohung aktiviert ein Stresssystem, das Millionen Jahre alt ist. Eine neurobiologische Erklärung, warum Menschen populistische Parteien wählen.

Die These, die du nicht hören willst

Hier ist das Problem, das fast alle übersehen: Du denkst, populistische Wähler:innen sind irrational. Du denkst, sie wählen gegen ihre Interessen. Du denkst, mehr Fakten, bessere Argumente, mehr Bildung – das würde helfen.

Spoiler Alert: Tut es nicht.

Die Realität ist unbequemer. Populismus ist nicht irrational. Er ist eine vollkommen rationale Antwort des Stresssystems auf existenzielle Statusbedrohung. Das Problem: Dein rationales Gehirn funktioniert in diesem Zustand nicht mehr. Es sitzt im Kofferraum.

Ich habe darüber bereits in einem früheren Artikel geschrieben und erklärt, wie die Angst im Gehirn aktiviert wird. In diesem Artikel gehe ich mehr in die Tiefe. 

TL;DR

Statusbedrohung aktiviert ein Stresssystem, das älter ist als Sprache. Dein Gehirn interpretiert Rangverlust – ob wirtschaftlich oder sozial – als Überlebensfrage. Die Kultur gibt nur die Form vor (den Sündenbock). Aber die biologische Prädisposition sitzt tiefer. Und das bedeutet: Wir behandeln Symptome, während die Ursache wächst. 


Ich bin im Auto. Stau. Der Typ neben mir schneidet mich ab.

Mein erster Gedanke: Aggression. Nicht rational, aber real. Dann der Meta-Gedanke: Warum fühle ich mich bedroht, nur weil jemand vor mich fährt?

Die Antwort liegt nicht in Psychologie. Sie liegt in Neurobiologie – und die ist älter als jede politische Ideologie. 


Der Fehler, den wir alle machen

Wir denken: Die Menschen sind irrational. Sie wählen gegen ihre Interessen.

Das ist falsch.

Sie sind nicht irrational. Sie sind gestresst. Und wenn dein Körper unter chronischem Stress steht, denkt dein Gehirn nicht rational. Das Stresssystem ist älter, schneller und dominanter als die Stirnlappenfunktion. Das ist nicht persönliches Versagen. Das ist Evolutionsbiologie.

Stell dir vor, du sitzt nachts im dunklen Wald. Ein Ast bricht. Dein erster Gedanke: Tiger oder Wolf? Dein rationales Gehirn sagt: „Wahrscheinlich ein Reh.” Aber dein Körper ist schon weg. Das ist das System, über das wir reden.

Jetzt skalier das auf Gesellschaft. Steigende Mieten bei gleichen Löhnen. Stagnierende Gehälter, während die da oben reicher werden. Angst um den Arbeitsplatz durch AI und Automatisierung. Das sind keine abstrakten Probleme. Das ist dein Gehirn, das sagt: „Du rutschst ab. Das ist eine Bedrohung.”

Und wer unter chronischem Stress lebt, denkt nicht rational. Punkt. 


Die Biologie: Rangverlust ist stärker als Armut

Hier ist etwas, das alle verstehen sollten, aber kaum jemand tut.

Sapolsky hat das bei Primaten erforscht. Ein Affe, der im Rang absteigt – nicht weil es weniger Bananen gibt, sondern weil er die soziale Hierarchie verliert – kriegt erhöhtes Kortisol, höheren Blutdruck, Arterienverkalkung, chronische Entzündungen.

Menschen sind nicht anders.

Aber hier ist die Crux: Der Stress entsteht nicht durch Armut selbst. Er entsteht durch die Wahrnehmung von Statusverlust. Das ist ein Unterschied, der alles erklärt.

Du kannst arm sein und dich sicher fühlen. Aber wenn du das Gefühl hast, dass du fällst – dass die Regeln sich ändern, dass du kontrolllos bist, dass die Dinge sich gegen dich verschwören – dann aktiviert sich das Stresssystem. Und es bleibt an.

Lê-Scherban et al. (2018) zeigen etwas noch Wichtigeres: Kinder, die früh niedrigen sozioökonomischen Status erleben, entwickeln ein verändertes Kortisol-Reaktionsmuster. Das Gehirn lernt: „Hier ist Unsicherheit normal.” Später, als Erwachsener, wird jede weitere Bedrohung überproportional verarbeitet.

Das heißt: Menschen aus unsicheren Kontexten sind nicht weniger intelligent. Ihre neurologische Baseline ist anders kalibriert. Sie sind hypersensibel für Statusbedrohung. Das ist adaptiv, wenn du in einer unsicheren Umgebung lebst. Es ist fatal, wenn du in einer unsicheren Wirtschaft lebst und ständig Angst-Signale kriegst. 


Die Downward Aggression Heuristic: Warum Sündenböcke nicht böse sind

Jetzt wird es interessant.

Hobson et al. (2021) haben 172 Gruppen über 85 Tierarten analysiert. 77 Prozent zeigen dasselbe Muster: die Downward Aggression Heuristic.

Das bedeutet: Tiere richten Aggression nach unten, weil das risikoarm ist. Nach oben greift man nicht an – das ist tödlich. Nach unten: weniger Risiko, Stressabbau, Wiederherstellung von Dominanz.

Menschen machen das exakt gleich. Nur kulturell verpackt.

Wenn du dich ohnmächtig fühlst – wenn die großen Kräfte (Eliten, Regierung, Wirtschaft) zu abstrakt sind – greifst du nicht nach oben. Die sind zu weit weg, zu diffus, zu mächtig. Du greifst die sichtbaren Zielscheiben unten an. Migrant:innen. Asylbewerbende. Die Gruppen, über die du Kontrolle hast. Die Gruppen, gegen die du etwas tun kannst.

Das ist nicht böse. Das ist Neurobiologie. Das ist dein Gehirn, das versucht, sein Stresssystem zu beruhigen.

Und hier hackt populistische Rhetorik rein. Sie nutzt deine Statusangst nicht gegen oben – sondern lenkt sie nach unten. Nicht „wir gegen die Eliten” (zu abstrakt). Sondern: „wir gegen die unten, die euch wegnehmen” (konkret, kontrollierbar, psychologisch befriedigend).

Das ist elegant. Das ist effektiv. Das ist auch – und das ist wichtig – nicht irrational.

Rationale Argumente funktionieren nicht, weil die Angst rational ist. Du kannst dem Gehirn unter Stress nicht mit Fakten argumentieren. Der Löwe kümmert sich nicht um deine Logik. 


Der Extremfall zeigt die Neurobiologie

Weierstall & Elbert arbeiten mit ehemaligen Kindersoldaten. Ergebnis: Physische Gewalt oder Kontrolle über Schwächere reduziert den eigenen Stress – über Dopamin-Feedback. Das ist neurobiologisches Stress-Management im Extremfall.

Natürlich ist das nicht 1:1 auf deutsche Wähler:innen übertragbar. Aber hier ist der Punkt: Die neurologische Logik ist identisch.

Im Extremtrauma: physische Gewalt gleich Stressabbau.

Bei moderatem Stress: symbolische Dominanz gleich psychologischer Stressabbau.

Populistische Rhetorik ist wie eine Simulation dieser Kontrolle – ohne physische Gewalt. Dein Gehirn bekommt das Signal: Wir haben Macht. Wir können etwas dagegen tun. Das beruhigt das System.

Das ist spekulativ, aber testbar. Je höher der Stress, desto intensiver die Outgroup-Rhetorik. Man könnte das korrelieren. 


Hier ist das kulturelle Wildcard

Jetzt kommt aber die Frage, die alles umkippt.

Wenn Neurobiologie AfD-Wähler erklärt – warum wählen Grüne oder Linke nicht dasselbe, obwohl sie dieselbe ökonomische Unsicherheit erleben?

Die Antwort: Neurobiologie ist das Fundament, aber Kultur ist das Dach.

Nicht alle gestressten Menschen werden Populisten. Grüne und Linke Wähler:innen erleben dieselbe ökonomische Unsicherheit. Der Unterschied liegt in Bubbles, Medien, Elternhaus, sozialem Umfeld.

Ein gestresster akademischer Haushalt kanalisiert Angst über Klimapolitik. Ein gestresster Arbeiter in einem rechtskonservativen Dorf anders. Die Biologie ist gleich. Der kulturelle Frame ist unterschiedlich.

ASPEKTAFD-WÄHLER:INGRÜNE-WÄHLER:INLINKE-WÄHLER:IN
StatusbedrohungJaJaJa
Kultureller KontextRechtskonservativ, lokalAkademisch, urbanAkademisch, international
KanalisierungMigrant:innen, „da unten”Klimakrise, ZukunftKapitalismus, System
SündenbockKonkret, sichtbarAbstrakt, diffusAbstrakt, strukturell

Das ist crucial: Neurobiologie verstärkt bestehende kulturelle Frames. Sie erzeugt sie nicht.

Das bedeutet auch: Du kannst die Neurobiologie nicht ändern. Aber du kannst die Kultur, in die der Stress fließt, verändern. 


Was funktioniert – und was nicht

Wenn das stimmt, dann funktionieren klassische Ansätze nicht.

Rationale Gegenargumente? Bringen nichts. Wenn das Stresssystem im Notfall-Modus ist, interpretiert dein Gehirn neue Informationen als weitere Bedrohung. Mehr Fakten gleich mehr Polarisierung. Das ist nicht Dummheit. Das ist Neurobiologie.

Moralisierung? Auch nicht. „Ihr seid böse/rassistisch” gleich Bedrohung, mehr Stress, mehr Verteidigung. Das verstärkt das Problem.

Aber hier ist das Interessante: Was möglicherweise funktionieren könnte ist das Gegenteil von Symptombekämpfung.

Kontrolle zurückgeben. Nicht Gruppen als Sündenböcke, sondern echte lokale Kontrolle, Mitsprache, Würde. Also mehr Bürger:innen-Beteiligung. Das adressiert die Statusbedrohung selbst – nicht nur die Symptome.

Und rate mal? Das funktioniert. Laut MDR-Bericht (2024) zeigen strukturschwache Regionen mit EU-Förderungen deutlich weniger rechtes Wahlverhalten. Warum? Weil dort Menschen wieder das Gefühl haben – Kontrolle, Agency, nicht ohnmächtig zu sein. Das beruhigt das Stresssystem.

Das ist nicht Korrelation gleich Kausalität. Aber es deutet darauf hin: Wenn du der Statusbedrohung selbst begegnest, sinkt der Populismus. 


Die unbequeme Wahrheit: Was das wirklich bedeutet

Hier ist das Problem: Das bedeutet nicht, dass populistische Wähler:innen böse sind. Es bedeutet, dass sie gestresst sind. Und dass wir ein System haben, das chronisch Statusbedrohung erzeugt.

Das ist schwieriger zu lösen als „Ausländer raus”. Aber es ist die einzige Lösung, die funktioniert.

Populismus ist nicht irrational. Er ist eine rationale Antwort des Stresssystems auf Statusbedrohung. Die Kultur gibt nur die Form vor – den Sündenbock, die Rhetorik, die In-Group. Aber die biologische Prädisposition sitzt tiefer.

Das bedeutet nicht Determinismus. Aber es bedeutet: Wir müssen die Statusbedrohung selbst adressieren – nicht nur die Symptome bekämpfen.

Lokale Kontrolle über Ressourcen. Echte Mitsprache, nicht Symbolik. Würde, nicht Verachtung. Bürger:innen-Beteiligung, nicht Abstimmungen. Das sind nicht linke oder rechte Lösungen. Das sind neurobiologische Lösungen.

Und ja, das ist schwieriger als Symptombekämpfung. Aber es ist das Einzige, das langfristig funktioniert. 


Bis dahin?

Wir bauen immer noch nur bessere Spiegel. Und du weißt was? Die Reflexion wird erst besser, wenn das, was im Zimmer steht, sich ändert.

Solange die Statusbedrohung da ist – solange Menschen das Gefühl haben, dass sie fallen – wird das Stresssystem aktiviert bleiben. Und das populistische Narrativ wird funktionieren.

Die Frage ist nicht: Wie bekämpfen wir Populismus? Die Frage ist: Wie geben wir Menschen wieder das Gefühl von Kontrolle?

Das ist schwerer. Das ist teurer. Das erfordert echte Macht-Umverteilung, nicht Symbol-Politik.

Aber es ist das Einzige, das funktioniert.

Vielen Dank fürs Lesen!

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Quellen

Hobson, E. A., Mønster, D., & DeDeo, S. (2021) – Aggression heuristics underlie animal dominance hierarchies and provide evidence of group-level social information. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(10), e2022912118.

Lê-Scherban, F., et al. (2018) – Child and adult socioeconomic status and the cortisol response to acute stress: Evidence from the multi-ethnic study of atherosclerosis. Biopsychosocial Science and Medicine, 80(2), 184-192.

MDR (2024) – Förderung strukturschwacher Regionen: Weniger Stimmen für Rechtspopulismus.

Sapolsky, R. M. (2017)- Behave: The biology of humans at our best and worst. Penguin.

Sapolsky, R. M. (2021) – Glucocorticoids, the evolution of the stress-response, and the primate predicament. Neurobiology of Stress, 14, 100320.

Weierstall, R., Schalinski, I., Crombach, A., Hecker, T., & Elbert, T. (2012) – When combat prevents PTSD symptoms—Results from a survey with former child soldiers in Northern Uganda. BMC Psychiatry, 12(1), 41.